Lebensretter mit Auwaldseeblick

22.08.2018

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Wer bei der Wasserwacht arbeitet, hat immer einen Blick auf den See, selbst wenn gegrillt wird.Bild: Jonas Voss

Der Lauinger Badesee zieht zahlreiche Gäste an. Erste Anlaufstelle für viele ist die Wasserwacht.

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VON JONAS VOSS

An einem Sommertag, so malerisch wie einer der knapp 67000 Instagram-Posts, die unter dem gleichnamigen Hashtag zu finden sind, gleicht der Auwaldsee Lauingen einem Wimmelbild. Kinder rennen ins Wasser, ein Pärchen schlendert unter einem Himmel voller Wölkchen mit einem Cornetto, Geschmack Zitrone, vom Kiosk über die Liegewiese, und im Schatten unter Bäumen schüren die ersten bereits am Vormittag ihren Grill an. Nur am Westzipfel des Sees bewegt sich wenig. Dort steht das Häuschen der Wasserwacht, die vier diensthabenden Rettungsschwimmer sitzen und stehen im Schatten der aufgespannten Sonnenschirme. Augen aufs Wasser, Ferngläser auf dem Tisch und eine Rettungsboje griffbereit am Eingang des Häuschens. „Der See hat Badewannen-Temperatur“, sagt Siegbert Straubinger. Da gehen alle ins Wasser, auch Nichtschwimmer.

Und weil Straubinger und seine Kollegen wissen, wie gefährlich der Auwaldsee bereits im Uferbereich für Nichtschwimmer sein kann, haben sie stets ein Auge auf die Stehbereiche in den Badezonen. Denn der See ist nicht nur bis zu sieben Meter tief – durch seine ursprüngliche Nutzung als Kiesgrube ist der Boden so locker, dass er an manchen Stellen nachgibt. „Eben tritt der Badegast noch sicher auf. Einen Schritt weiter kann das Wasser schon zwei Meter tief sein“, erklärt Straubinger. Wer da nicht schwimmen kann, gerät in Schwierigkeiten.

Die größte Gefahr am Lauinger Auwaldsee

Die größte Gefahr gehe in diesem Sommer aber von den Wespen aus. Ihre Stiche seien dieses Jahr besonders schmerzhaft, weswegen viele Badegäste am Wasserwacht-Häuschen nach Salben und Pflastern fragen. Die Rettungsschwimmer helfen immer, wenn sie können. „Ist man nett zu den Menschen, sind sie nett zu einem selbst“, sagt Straubinger, und seine Kollegen stimmen zu. Doch aus medizinischen und rechtlichen Gründen sei es beispielsweise nicht möglich, jede Salbe herauszugeben. Zumindest gab es trotz dieses Hitzesommers am Auwaldsee nicht mehr Badeunfälle. „Im Wasser verhalten sich die allermeisten sehr vernünftig“, sagt Straubinger. Sein Sohn, Maximilian, pflichtet ihm bei. Maximilian ist selbst seit rund 15 Jahren Teil der Wasserwacht – ebenso wie die Mutter, Waltraud Straubinger.

Die Wasserwacht-Station am Auwaldsee ist so etwas wie ein Familienbetrieb, nicht nur wegen Straubingers. Alle, die dort ihre Freizeit für das Ehrenamt hergeben, verstehen sich als Angehörige der Wasserwacht-Familie. Und das Häuschen ist die Anlaufstelle für die „Großfamilie“. Zusammen feiern sie Feste, besuchen Fortbildungen oder werkeln an ihrem Rettungs-Häuschen.

Das ist vor circa 45 Jahren errichtet worden. Auf 35 Quadratmetern, verziert mit kleinen Quadraten von weißen Fliesen und holzvertäfelter Wand, finden sich Küchenzeile, Behandlungsliege und digitales Funkgerät. Für das Wellblechdach und die Dämmung haben die Wasserwachtler selbst gesorgt – was es nicht gibt, sind Umkleide und Toiletten. „Aktuell haben wir wieder Mal einen Antrag auf ein größeres Haus gestellt“, erzählt Siegbert Straubinger. Er glaube nicht, dass der Erfolg haben wird. Rund um den See gebe es zahlreiche Auflagen, die den Bau erschweren.

Badegäste wollen die Rettungsbretter ausleihen

Von 10 bis 18 Uhr gehen die Sonntagsdienste am See, selten sind die vier Diensthabenden am Mittag noch unter sich. An diesem Sommertag sind etwa zehn Personen da. Während die Rettungsschwimmer in weißem T-Shirt und rot-blauer Badehose von Weitem zu erkennen sind, verwandeln sich die anderen flugs in Badegäste. Nur, dass sie auch in Bikini und Badehose Menschenleben retten können. Dafür müssen sie nicht die 21 moosbewachsenen Stufen der Treppe zwischen Häuschen und See hinunter zu den Rettungsbrettern eilen. Jeder von ihnen kennt und übt regelmäßig die Techniken, um Ertrinkende sicher ans Ufer zu bringen. Die quietschgelben, etwa 15 Kilo schweren, Rettungsbretter ziehen fast ebenso viele Badegäste zur Wasserwacht wie die Wespenstiche. Kurz nachdem Straubinger erzählt, dass Gäste die Bretter mit Stand-up- Paddles verwechseln, stehen bereits zwei Männer an der Station. Was es koste, die Bretter auszuleihen – Straubinger und seine Mannschaft sind genervt. Rettungsbretter sind keine Spielzeuge. Auch wenn sie an diesem Tag am Fuß der Treppe vor sich hin dümpeln, im Ernstfall müssen die Wasserwachtler auf den Brettern flugs den See durchqueren können.

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Maximilian und seine Mutter Waldtraud Straubinger, Rettungsschwimmer bei der Wasserwacht.Bild: Jonas Voss

Und weil den See überwachen hungrig macht, zieht von der schattigen Gerätehütte alsbald der Geruch von gebratenem Schweinebauch und Rindersteak über das Häuschen am See. Während sich die Wasserwachtler bei Salaten und Soßen versammeln, muss zumindest einer auf dem Posten bleiben. Und auch der Blick der Kollegen geht während des Essens immer wieder zum See. „Das macht die Gewohnheit“, erklärt Siegbert Straubinger. Er ist 55 Jahre alt – knapp 45 Jahre davon teilt er bereits mit der Wasserwacht. Ein Leben ohne das Ehrenamt sei für ihn nicht vorstellbar; den anderen geht es ähnlich.

Unglücklicherweise treffe das nicht unbedingt auf die heutigen Kinder zu, sagt Straubinger. Für die Stationen in den Freibädern gebe es Nachwuchs, aber am See wollen viele Eltern ihre Kinder nicht schwimmen lassen. Zu gefährlich. Eines Tages müsse die Station vielleicht hauptberuflich betrieben werden. Dann ist das Haus am Auwaldsee nicht mehr dasselbe.

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